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<title>Hyperion</title>
<subtitle>oder der Eremit in Griechenland</subtitle>
<subtitle>Text nach der Stuttgarter Ausgabe</subtitle>
<author>Friedrich Hölderlin</author>
<type>Roman</type>
</meta>
<content>
<volume number="1">
<title>Erster Band</title>
<slogan>
<text>
<par>
Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est.</par>
</text>
</slogan>
<preface>
<title>Vorrede</title>
<text>
<par>
Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen. Aber
ich fürchte, die einen werden es lesen, wie ein Compendium, und
um das fabula docet sich zu sehr bekümmern, indeß die
andern gar zu leicht es nehmen, und beede Theile verstehen es nicht.</par>
<par>
Wer blos an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie
pflükt, blos, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.</par>
<par>
Die Auflösung der Dissonanzen in einem gewissen Karakter ist
weder für das bloße Nachdenken, noch für die
leere Lust.</par>
<par>
Der Schauplaz, wo sich das Folgende zutrug, ist nicht neu, und ich
gestehe, daß ich einmal kindisch genug war, in dieser
Rüksicht eine Veränderung mit dem Buche zu versuchen,
aber ich überzeugte mich, daß er der einzig Angemessene
für Hyperions elegischen Karakter wäre, und
schämte mich,daß mich das wahrscheinliche Urtheil des
Publikums so übertrieben geschmeidig gemacht.</par>
<par>
Ich bedaure, daß für jezt die Beurtheilung des Plans
noch nicht jedem möglich ist. Aber der zweite Band soll so
schnell, wie möglich, folgen.</par>
</text>
</preface>
<part number="1">
<title>Erstes Buch</title>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Der liebe Vaterlandsboden giebt mir wieder Freude und Laid.</par>
<par>
Ich bin jezt alle Morgen auf den Höhn des Korinthischen
Isthmus, und, wie die Biene unter Blumen, fliegt meine Seele oft hin
und her zwischen den Meeren, die zur Rechten und zur Linken meinen
glühenden Bergen die Füße kühlen.</par>
<par>
Besonders der Eine der beeden Meerbusen hätte mich freuen
sollen, wär' ich ein Jahrtausend früher hier gestanden.</par>
<par>
Wie ein siegender Halbgott, wallte da zwischen der herrlichen
Wildniß des Helikon und Parnaß, wo das Morgenroth um
hundert überschneite Gipfel spielt, und zwischen der
paradiesischen Ebene von Sicyon der glänzende Meerbusen herein,
gegen die Stadt der Freude, das jugendliche Korinth, und
schüttete den erbeuteten Reichtum aller Zonen vor seiner
Lieblingin aus.</par>
<par>
Aber was soll mir das? Das Geschrei des Jakals, der unter den
Steinhaufen des Altertums sein wildes Grablied singt, schrökt
ja aus meinen Träumen mich auf.</par>
<par>
Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und
stärkt! Mir ist, als würd' ich in den Sumpf geworfen,
als schlüge man den Sargdekel über mir zu, wenn einer an
das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen nennt, so
wird mir immer, als schnürt' er mit dem Halsband eines Hundes
mir die Kehle zu.</par>
<par>
Und siehe, mein Bellarmin! wenn manchmal mir so ein Wort entfuhr, wohl
auch im Zorne mir eine Thräne in's Auge trat, so kamen dann die
weisen Herren, die unter euch Deutschen so gerne spuken, die Elenden,
denen ein leidend Gemüth so gerade recht ist, ihre
Sprüche anzubringen, die thaten dann sich gütlich,
ließen sich beigehn, mir zu sagen: klage nicht, handle!</par>
<par>
O hätt' ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung
wär' ich reicher! -</par>
<par>
Ja, vergiß nur, daß es Menschen giebt, darbendes,
angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz! und kehre wieder
dahin, wo du ausgiengst, in die Arme der Natur, der wandellosen,
stillen und schönen.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sey mein
eigen.</par>
<par>
Fern und todt sind meine Geliebten, und ich vernehme durch keine
Stimme von ihnen nichts mehr.</par>
<par>
Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die
Arbeit gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen
Pfenning reicher gemacht.</par>
<par>
Ruhmlos und einsam kehr' ich zurük und wandre durch mein
Vaterland, das, wie ein Todtengarten, weit umher liegt, und mich er-
wartet vieleicht das Messer des Jägers, der uns Griechen, wie
das Wild des Waldes, sich zur Lust hält.</par>
<par>
Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du grünst noch,
heilige Erde! Noch rauschen die Ströme in's Meer, und schattige
Bäume säuseln im Mittag. Der Wonnegesang des
Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf. Die
Fülle der alllebendigen Welt ernährt und sättiget
mit Trunkenheit mein darbend Wesen.</par>
<par>
O seelige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich
mein Auge erhebe vor deiner Schöne, aber alle Lust des Himmels
ist in den Thränen, die ich weine vor dir, der Geliebte vor der
Geliebten.</par>
<par>
Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte Welle der Luft
mir um die Brust spielt. Verloren in's weite Blau, blik' ich oft
hinauf an den Aether und hinein in's heilige Meer, und mir ist, als
öffnet' ein verwandter Geist mir die Arme, als löste der
Schmerz der Einsamkeit sich auf in's Leben der Gottheit.</par>
<par>
Eines zu seyn mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der
Himmel des Menschen.</par>
<par>
Eines zu seyn mit Allem, was lebt, in seeliger Selbstvergessenheit
wiederzukehren in's All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und
Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen
Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme
verliert und das kochende Meer der Wooge des Kornfelds gleicht.</par>
<par>
Eines zu seyn mit Allem, was lebt! Mit diesem Worte legt die Tugend
den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen den Zepter weg,
und alle Gedanken schwinden vor dem Bilde der ewigeinigen Welt, wie
die Regeln des ringenden Künstlers vor seiner Urania, und das
eherne Schiksaal entsagt der Herrschaft, und aus dem Bunde der Wesen
schwindet der Tod, und Unzertrennlichkeit und ewige Jugend beseeliget,
verschönert die Welt.</par>
<par>
Auf dieser Höhe steh' ich oft, mein Bellarmin! Aber ein Moment
des Besinnens wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich
zuvor war, allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit, und meines
Herzens Asyl, die ewigeinige Welt, ist hin; die Natur
verschließt die Arme, und ich stehe, wie ein Fremdling, vor
ihr, und verstehe sie nicht.</par>
<par>
Ach! wär' ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft,
der ich in den Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich
thöricht, die Bestätigung meiner reinen Freude
erwartete, die hat mir alles verdorben.</par>
<par>
Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe
gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgiebt,
bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus
dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrokne an
der Mittagssonne.</par>
<par>
O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er
nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein
misrathener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und
betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den
Weg gab.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Ich danke dir, daß du mich bittest, dir von mir zu
erzählen, daß du die vorigen Zeiten mir in's
Gedächtniß bringst.</par>
<par>
Das trieb mich auch nach Griechenland zurük, daß ich den
Spielen meiner Jugend näher leben wollte.</par>
<par>
Wie der Arbeiter in den erquikenden Schlaf, sinkt oft mein
angefochtenes Wesen in die Arme der unschuldigen Vergangenheit.</par>
<par>
Ruhe der Kindheit! himmlische Ruhe! wie oft steh' ich stille vor dir
in liebender Betrachtung, und möchte dich denken! Aber wir
haben ja nur Begriffe von dem, was einmal schlecht gewesen und wieder
gut gemacht ist; von Kindheit, Unschuld haben wir keine Begriffe.</par>
<par>
Da ich noch ein stilles Kind war und von dem allem, was uns umgiebt,
nichts wußte, war ich da nicht mehr, als jezt, nach all den
Mühen des Herzens und all dem Sinnen und Ringen?</par>
<par>
Ja! ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die
Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist.</par>
<par>
Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.</par>
<par>
Der Zwang des Gesezes und des Schiksaals betastet es nicht; im Kind'
ist Freiheit allein.</par>
<par>
In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen.
Reichtum ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des
Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.</par>
<par>
Aber das können die Menschen nicht leiden. Das Göttliche
muß werden, wie ihrer einer, muß erfahren, daß
sie auch da sind, und eh' es die Natur aus seinem Paradiese treibt, so
schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das Feld des
Fluchs, daß es, wie sie, im Schweiße des Angesichts sich
abarbeite.</par>
<par>
Aber schön ist auch die Zeit des Erwachens, wenn man nur zur
Unzeit uns nicht wekt.</par>
<par>
O es sind heilige Tage, wo unser Herz zum erstenmale die Schwingen
übt, wo wir, voll schnellen feurigen Wachstums, dastehn in der
herrlichen Welt, wie die junge Pflanze, wenn sie der Morgensonne sich
aufschließt, und die kleinen Arme dem unendlichen Himmel
entgegenstrekt.</par>
<par>
Wie es mich umhertrieb an den Bergen und am Meeresufer! ach wie ich
oft da saß mit klopfendem Herzen, auf den Höhen von
Tina, und den Falken und Kranichen nachsah, und den kühnen
fröhlichen Schiffen, wenn sie hinunterschwanden am Horizont!
Dort hinunter! dacht' ich, dort wanderst du auch einmal hinunter, und
mir war, wie einem Schmachtenden, der in's kühlende Bad sich
stürzt und die schäumenden Wasser über die Stirne
sich schüttet.</par>
<par>
Seufzend kehrt' ich dann nach meinem Hause wieder um. Wenn nur die
Schülerjahre erst vorüber wären, dacht' ich
oft.</par>
<par>
Guter Junge! sie sind noch lange nicht vorüber.</par>
<par>
Daß der Mensch in seiner Jugend das Ziel so nahe glaubt! Es ist
die schönste aller Täuschungen, womit die Natur der
Schwachheit unsers Wesens aufhilft.</par>
<par>
Und wenn ich oft dalag unter den Blumen und am zärtlichen
Frühlingslichte mich sonnte, und hinaufsah in's heitre Blau,
das die warme Erde umfieng, wenn ich unter den Ulmen und Weiden, im
Schoose des Berges saß, nach einem erquikenden Regen, wenn die
Zweige noch bebten von den Berührungen des Himmels, und
über dem tröpfelnden Walde sich goldne Wolken bewegten,
oder wenn der Abendstern voll friedlichen Geistes heraufkam mit den
alten Jünglingen, den übrigen Helden des Himmels, und
ich so sah, wie das Leben in ihnen in ewiger müheloser Ordnung
durch den Aether sich fortbewegte, und die Ruhe der Welt mich umgab
und erfreute, daß ich aufmerkte und lauschte, ohne zu wissen,
wie mir geschah ? hast du mich lieb, guter Vater im Himmel! fragt' ich
dann leise, und fühlte seine Antwort so sicher und seelig am
Herzen.</par> <par id="par-Oduzudemichrief">O du, zu dem ich rief,
als wärst du über den Sternen, den ich Schöpfer
des Himmels nannte und der Erde, freundlich Idol meiner Kindheit, du
wirst nicht zürnen, daß ich deiner vergaß! -
Warum ist die Welt nicht dürftig genug, um außer ihr
noch Einen zu suchen?</par>
<par>
O wenn sie eines Vaters Tochter ist, die herrliche Natur, ist das Herz
der Tochter nicht sein Herz? Ihr Innerstes, ist's nicht Er? Aber hab'
ich's denn? kenn' ich es denn?</par>
<par>
Es ist, als säh' ich, aber dann erschreck' ich wieder, als
wär' es meine eigne Gestalt, was ich gesehn, es ist, als
fühlt' ich ihn, den Geist der Welt, wie eines Freundes warme
Hand, aber ich erwache und meine, ich habe meine eignen Finger
gehalten.</par>
<footnote idref="par-Oduzudemichrief" offset="-1">
Es ist wohl nicht nöthig, zu erinnern, daß derlei
Äußerungen als bloße Phänomene des
menschlichen Gemüths von Rechts wegen niemand skandalisiren
sollten.</footnote>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>Weist du, wie Plato und sein Stella sich liebten?</par>
<par>
So liebt' ich, so war ich geliebt. O ich war ein glüklicher
Knabe!</par>
<par>
Es ist erfreulich, wenn gleiches sich zu gleichem gesellt, aber es ist
göttlich, wenn ein großer Mensch die kleineren zu sich
aufzieht.</par>
<par>
Ein freundlich Wort aus eines tapfern Mannes Herzen, ein
Lächeln, worinn die verzehrende Herrlichkeit des Geistes sich
verbirgt, ist wenig und viel, wie ein zauberisch Loosungswort, das Tod
und Leben in seiner einfältigen Sylbe verbirgt, ist, wie ein
geistig Wasser, das aus der Tiefe der Berge quillt, und die geheime
Kraft der Erde uns mittheilt in seinem krystallenen Tropfen.</par>
<par>
Wie hass' ich dagegen alle die Barbaren, die sich einbilden, sie seyen
weise, weil sie kein Herz mehr haben, alle die rohen Unholde, die
tausendfältig die jugendliche Schönheit tödten
und zerstören, mit ihrer kleinen unvernünftigen
Mannszucht!</par>
<par>
Guter Gott! Da will die Eule die jungen Adler aus dem Neste jagen,
will ihnen den Weg zur Sonne weisen!</par>
<par>
Verzeih mir, Geist meines Adamas! daß ich dieser gedenke vor
dir. Das ist der Gewinn, den uns Erfahrung giebt, daß wir
nichts trefliches uns denken, ohne sein ungestaltes Gegentheil.</par>
<par>
O daß nur du mir ewig gegenwärtig wärest, mit
allem, was dir verwandt ist, traurender Halbgott, den ich meine! Wen
du umgiebst, mit deiner Ruhe und Stärke, Sieger und
Kämpfer, wem du begegnest mit deiner Liebe und Weisheit, der
fliehe, oder werde, wie du! Unedles und Schwaches besteht nicht neben
dir.</par>
<par>
Wie oft warst du mir nahe, da du längst mir ferne warst,
verklärtest mich mit deinem Lichte, und wärmtest mich,
daß mein erstarrtes Herz sich wieder bewegte, wie der
verhärtete Quell, wenn der Stral des Himmels ihn
berührt! Zu den Sternen hätt' ich dann fliehn
mögen mit meiner Seeligkeit, damit sie mir nicht
entwürdigt würde von dem, was mich umgab.</par>
<par>
Ich war aufgewachsen, wie eine Rebe ohne Stab, und die wilden Ranken
breiteten richtungslos über dem Boden sich aus. Du weist ja,
wie so manche edle Kraft bei uns zu Grunde geht, weil sie nicht
genüzt wird. Ich schweiffte herum, wie ein Irrlicht, griff
alles an, wurde von allem ergriffen, aber auch nur für den
Moment, und die unbehülflichen Kräfte matteten vergebens
sich ab. Ich fühlte, daß mir's überall fehlte,
und konnte doch mein Ziel nicht finden. So fand er mich.</par>
<par>
Er hatt' an seinem Stoffe, der sogenannten kultivirten Welt, lange
genug Geduld und Kunst geübt, aber sein Stoff war Stein und
Holz gewesen und geblieben, nahm wohl zur Noth die edle Menschenform
von außen an, aber um diß war's meinem Adamas nicht zu
thun; er wollte Menschen, und, um diese zu schaffen, hatt' er seine
Kunst zu arm gefunden. Sie waren einmal da gewesen, die er suchte, die
zu schaffen, seine Kunst zu arm war, das erkannt' er deutlich. Wo sie
da gewesen, wußt' er auch. Da wollt' er hin und unter dem
Schutt nach ihrem Genius fragen, mit diesem sich die einsamen Tage zu
verkür- zen. Er kam nach Griechenland. So fand ich ihn.</par>
<par>
Noch seh' ich ihn vor mich treten in lächelnder Betrachtung,
noch hör' ich seinen Gruß und seine Fragen.</par>
<par>
Wie eine Pflanze, wenn ihr Friede den strebenden Geist
besänftigt, und die einfältige Genügsamkeit
wiederkehrt in die Seele – so stand er vor mir.</par>
<par>
Und ich, war ich nicht der Nachhall seiner stillen Begeisterung?
wiederholten sich nicht die Melodien seines Wesens in mir? Was ich
sah, ward ich, und es war Göttliches, was ich sah.</par>
<par>
Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiß der
Menschen gegen die Allmacht der ungetheilten Begeisterung.</par>
<par>
Sie weilt nicht auf der Oberfläche, faßt nicht da und
dort uns an, braucht keiner Zeit und keines Mittels; Gebot und Zwang
und Überredung braucht sie nicht; auf allen Seiten, in allen
Tiefen und Höhen ergreift sie im Augenblik' uns, und wandelt,
ehe sie da ist für uns, ehe wir fragen, wie uns geschiehet,
durch und durch in ihre Schönheit, ihre Seeligkeit uns um.</par>
<par>
Wohl dem, wem auf diesem Wege ein edler Geist in früher Jugend
begegnete!</par>
<par>
O es sind goldne unvergeßliche Tage, voll von den Freuden der
Liebe und süßer Beschäftigung!</par>
<par>
Bald führte mein Adamas in die Heroënwelt des Plutarch,
bald in das Zauberland der griechischen Götter mich ein, bald
ordnet' und beruhigt' er mit Zahl und Maas das jugendliche Treiben,
bald stieg er auf die Berge mit mir; des Tags, um die Blumen der Haide
und des Walds und die wilden Moose des Felsen, des Nachts, um
über uns die heiligen Sterne zu schauen, und nach menschlicher
Weise zu verstehen.</par>
<par>
Es ist ein köstlich Wohlgefühl in uns, wenn so das
Innere an seinem Stoffe sich stärkt, sich unterscheidet und
getreuer anknüpft und unser Geist allmählig
waffenfähig wird.</par>
<par>
Aber dreifach fühlt' ich ihn und mich, wenn wir, wie Manen aus
vergangner Zeit, mit Stolz und Freude, mit Zürnen und Trauern
an den Athos hinauf und von da hinüberschifften in den
Hellespont und dann hinab an die Ufer von Rhodus und die
Bergschlünde von Tänarum, durch die stillen Inseln alle,
wenn da die Sehnsucht über die Küsten hinein uns trieb,
in's düstre Herz des alten Peloponnes, an die einsamen Gestade
des Eurotas, ach! die ausgestorbnen Thale von Elis und Nemea und
Olympia, wenn wir da, an eine Tempelsäule des vergeßnen
Jupiters gelehnt, umfangen von Lorbeerrosen und Immergrün, in's
wilde Flußbett sahn, und das Leben des Frühlings und die
ewig jugendliche Sonne uns mahnte, daß auch der Mensch einst da
war, und nun dahin ist, daß des Menschen herrliche Natur jezt
kaum noch da ist, wie das Bruchstük eines Tempels oder im
Gedächtniß, wie ein Todtenbild – da saß
ich traurig spielend neben ihm, und pflükte das Moos von eines
Halbgotts Piedestal, grub eine marmorne Heldenschulter aus dem Schutt,
und schnitt den Dornbusch und das Haidekraut von den halbbegrabnen
Architraven, indeß mein Adamas die Landschaft zeichnete, wie
sie freundlich tröstend den Ruin um- gab, den
Waizenhügel, die Oliven, die Ziegenheerde, die am Felsen des
Gebirgs hieng, den Ulmenwald, der von den Gipfeln in das Thal sich
stürzte; und die Lacerte spielte zu unsern Füßen,
und die Fliegen umsummten uns in der Stille des Mittags –
Lieber Bellarmin! ich hätte Lust, so pünktlich dir, wie
Nestor, zu erzählen; ich ziehe durch die Vergangenheit, wie ein
Ährenleser über die Stoppeläker, wenn der Herr
des Lands geerndtet hat; da liest man jeden Strohhalm auf. Und wie ich
neben ihm stand auf den Höhen von Delos, wie das ein Tag war,
der mir graute, da ich mit ihm an der Granitwand des Cynthus die alten
Marmortreppen hinaufstieg. Hier wohnte der Sonnengott einst, unter den
himmlischen Festen, wo ihn, wie goldnes Gewölk, das versammelte
Griechenland umglänzte. In Fluthen der Freude und Begeisterung
warfen hier, wie Achill in den Styx, die griechischen Jünglinge
sich, und giengen unüberwindlich, wie der Halbgott, hervor. In
den Hainen, in den Tempeln erwachten und tönten in einander
ihre Seelen, und treu bewahrte jeder die entzükenden Accorde.</par>
<par>
Aber was sprech' ich davon? Als hätten wir noch eine Ahnung
jener Tage! Ach! es kann ja nicht einmal ein schöner Traum
gedeihen unter dem Fluche, der über uns lastet. Wie ein
heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die
Blüthen unsers Geistes und versengt sie im Entstehen. Und doch
war es ein goldner Tag, der auf dem Cynthus mich umfieng! Es
dämmerte noch, da wir schon oben waren. Jezt kam er herauf in
seiner ewigen Jugend, der alte Sonnengott, zufrieden und
mühelos, wie immer, flog der unsterbliche Titan mit seinen
tausend eignen Freuden herauf, und lächelt' herab auf sein
verödet Land, auf seine Tempel, seine Säulen, die das
Schiksaal vor ihn hingeworfen hatte, wie die dürren
Rosenblätter, die im Vorübergehen ein Kind gedankenlos
vom Strauche riß, und auf die Erde säete.</par>
<par>
Sei, wie dieser! rief mir Adamas zu, ergriff mich bei der Hand und
hielt sie dem Gott entgegen, und mir war, als trügen uns die
Morgenwinde mit sich fort, und brächten uns in's Geleite des
heiligen Wesens, das nun hinaufstieg auf den Gipfel des Himmels,
freundlich und groß, und wunderbar mit seiner Kraft und seinem
Geist die Welt und uns erfüllte.</par>
<par>
Noch trauert und frohlockt mein Innerstes über jedes Wort, das
mir damals Adamas sagte, und ich begreife meine Bedürftigkeit
nicht, wenn oft mir wird, wie damals ihm seyn mußte. Was ist
Verlust, wenn so der Mensch in seiner eignen Welt sich findet? In uns
ist alles. Was kümmerts dann den Menschen, wenn ein Haar von
seinem Haupte fällt? Was ringt er so nach Knechtschaft, da er
ein Gott sein könnte! Du wirst einsam seyn, mein Liebling!
sagte mir damals Adamas auch, du wirst seyn wie der Kranich, den seine
Brüder zurükließen in rauher Jahrszeit,
indeß sie den Frühling suchen im fernen Lande.</par>
<par>
Und das ist's, Lieber! Das macht uns arm bei allem Reichtum,
daß wir nicht allein seyn können, daß die Liebe
in uns, so lange wir leben, nicht erstirbt. Gieb mir meinen Adamas
wieder, und komm mit allen, die mir angehören, daß die
alte schöne Welt sich unter uns erneure, daß wir uns
versammeln und vereinen in den Armen unserer Gottheit, der Natur, und
siehe! so weiß ich nichts von Nothdurft.</par>
<par>
Aber sage nur niemand, daß uns das Schiksaal trenne! Wir
sind's, wir! wir haben unsre Lust daran, uns in die Nacht des
Unbekannten, in die kalte Fremde irgend einer andern Welt zu
stürzen, und, wär' es möglich, wir
verließen der Sonne Gebiet und stürmten über des
Irrsterns Gränzen hinaus. Ach! für des Menschen wilde
Brust ist keine Heimath möglich; und wie der Sonne Stral die
Pflanzen der Erde, die er entfaltete, wieder versengt, so
tödtet der Mensch die süßen Blumen, die an seiner
Brust gedeihten, die Freuden der Verwandtschaft und der Liebe.</par>
<par>
Es ist, als zürnt ich meinem Adamas, daß er mich
verließ, aber ich zürn' ihm nicht. O er wollte ja wieder
kommen!</par>
<par>
In der Tiefe von Asien soll ein Volk von seltner Treflichkeit
verborgen seyn; dahin trieb ihn seine Hoffnung weiter.</par>
<par>
Bis Nio begleitet' ich ihn. Es waren bittere Tage. Ich habe den
Schmerz ertragen gelernt, aber für solch' ein Scheiden hab' ich
keine Kraft in mir.</par>
<par>
Mit jedem Augenblike, der uns der lezten Stunde näher brachte,
wurd' es sichtbarer, wie dieser Mensch verwebt war in mein Wesen. Wie
ein Sterbender den fliehenden Othem, hielt ihn meine Seele.</par>
<par>
Am Grabe Homers brachten wir noch einige Tage zu, und Nio wurde mir
die heiligste unter den Inseln.</par>
<par>
Endlich rissen wir uns los. Mein Herz hatte sich müde gerungen.
Ich war ruhiger im lezten Augenblike. Auf den Knieen lag ich vor ihm,
umschloß ihn zum leztenmale mit diesen Armen; gieb mir einen
Seegen, mein Vater! rief ich leise zu ihm hinauf, und er
lächelte groß, und seine Stirne breitete vor den Sternen
des Morgens sich aus und sein Auge durchdrang die Räume des
Himmels – Bewahrt ihn mir, rief er, ihr Geister besserer Zeit!
und zieht zu eurer Unsterblichkeit ihn auf, und all' ihr freundlichen
Kräfte des Himmels und der Erde, seyd mit ihm!</par>
<par>
Es ist ein Gott in uns, sezt' er ruhiger hinzu, der lenkt, wie
Wasserbäche, das Schiksaal, und alle Dinge sind sein
Element. Der sey vor allem mit dir! So schieden wir. Leb wohl, mein
Bellarmin!</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Wohin könnt' ich mir entfliehen, hätt' ich nicht die
lieben Tage meiner Jugend?</par>
<par>
Wie ein Geist, der keine Ruhe am Acheron findet, kehr' ich
zurük in die verlaßnen Gegenden meines Lebens. Alles
altert und verjüngt sich wieder. Warum sind wir ausgenommen vom
schönen Kreislauf der Natur? Oder gilt er auch für
uns?</par>
<par>
Ich wollt' es glauben, wenn Eines nicht in uns wäre, das
ungeheure Streben, Alles zu seyn, das, wie der Titan des Aetna,
heraufzürnt aus den Tiefen unsers Wesens.</par>
<par>
Und doch, wer wollt' es nicht lieber in sich fühlen, wie ein
siedend Öl, als sich gestehn, er sey für die
Geißel und für's Joch geboren? Ein tobend
Schlachtroß oder eine Mähre, die das Ohr hängt,
was ist edler?</par>
<par>
Lieber! es war eine Zeit, da auch meine Brust an großen
Hoffnungen sich sonnte, da auch mir die Freude der Unsterblichkeit in
allen Pulsen schlug, da ich wandelt' unter herrlichen
Entwürfen, wie in weiter Wäldernacht, da ich
glüklich, wie die Fische des Oceans, in meiner uferlosen
Zukunft weiter, ewig weiter drang.</par>
<par>
Wie muthig, seelige Natur! entsprang der Jüngling deiner Wiege!
wie freut' er sich in seiner unversuchten Rüstung! Sein Bogen
war gespannt und seine Pfeile rauschten im Köcher, und die
Unsterblichen, die hohen Geister des Altertums führten ihn an,
und sein Adamas war mitten unter ihnen.</par>
<par>
Wo ich gieng und stand, geleiteten mich die herrlichen Gestalten; wie
Flammen, verloren sich in meinem Sinne die Thaten aller Zeiten in
einander, und wie in Ein frolokend Gewitter die Riesenbilder, die
Wolken des Himmels sich vereinen, so vereinten sich, so wurden Ein
unendlicher Sieg in mir die hundertfältigen Siege der
Olympiaden.</par>
<par>
Wer hält das aus, wen reißt die schrökende
Herrlichkeit des Altertums nicht um, wie ein Orkan die jungen
Wälder umreißt, wenn sie ihn ergreift, wie mich, und
wenn, wie mir, das Element ihm fehlt, worinn er sich ein
stärkend Selbstgefühl erbeuten könnte?</par>
<par>
O mir, mir beugte die Größe der Alten, wie ein Sturm,
das Haupt, mir raffte sie die Blüthe vom Gesichte, und oftmals
lag ich, wo kein Auge mich bemerkte, unter tausend Thränen da,
wie eine gestürzte Tanne, die am Bache liegt und ihre welke
Krone in die Fluth verbirgt. Wie gerne hätt' ich einen
Augenblik aus eines großen Mannes Leben mit Blut erkauft!</par>
<par>
Aber was half mir das? Es wollte ja mich niemand.</par>
<par>
O es ist jämmerlich, so sich vernichtet zu sehn; und wem
diß unverständlich ist, der frage nicht danach, und
danke der Natur, die ihn zur Freude, wie die Schmetterlinge, schuff,
und geh', und sprech' in seinem Leben nimmermehr von Schmerz und
Unglük.</par>
<par>
Ich liebte meine Heroën, wie eine Fliege das Licht; ich suchte
ihre gefährliche Nähe und floh und suchte sie
wieder.</par>
<par>
Wie ein blutender Hirsch in den Strom, stürzt' ich oft mitten
hinein in den Wirbel der Freude, die brennende Brust zu kühlen
und die tobenden herrlichen Träume von Ruhm und
Größe wegzubaden, aber was half das?</par>
<par>
Und wenn mich oft um Mitternacht das heiße Herz in den Garten
hinuntertrieb unter die thauigen Bäume, und der Wiegengesang
des Quells und die liebliche Luft und das Mondlicht meinen Sinn
besänftigte, und so frei und friedlich über mir die
silbernen Gewölke sich regten, und aus der Ferne mir die
verhallende Stimme der Meeresfluth tönte, wie freundlich
spielten da mit meinem Herzen all' die großen Phantome seiner
Liebe!</par>
<par>
Lebt wohl, ihr Himmlischen! sprach ich oft im Geiste, wenn über
mir die Melodie des Morgenlichts mit leisem Laute begann, ihr
herrlichen Todten lebt wohl! ich möcht' euch folgen,
möchte von mir schütteln, was mein Jahrhundert mir gab,
und aufbrechen in's freiere Schattenreich!</par>
<par>
Aber ich schmachte an der Kette und hasche mit bitterer Freude die
kümmerliche Schaale, die meinem Durste gereicht wird.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Meine Insel war mir zu enge geworden, seit Adamas fort war. Ich hatte
Jahre schon in Tina Langeweile. Ich wollt' in die Welt.</par>
<par>
Geh vorerst nach Smyrna, sagte mein Vater, lerne da die Künste
der See und des Kriegs, lerne die Sprache gebildeter Völker und
ihre Verfassungen und Meinungen und Sitten und Gebräuche,
prüfe alles und wähle das Beste! – Dann kann es
meinetwegen weiter gehn.</par>
<par>
Lern' auch ein wenig Gedult! sezte die Mutter hinzu, und ich nahm's
mit Dank an.</par>
<par>
Es ist entzükend, den ersten Schritt aus der Schranke der
Jugend zu thun, es ist, als dächt' ich meines Geburtstags, wenn
ich meiner Abreise von Tina gedenke. Es war eine neue Sonne
über mir, und Land und See und Luft genoß ich wie zum
erstenmale.</par>
<par>
Die lebendige Thätigkeit, womit ich nun in Smyrna meine Bildung
besorgte, und der eilende Fortschritt besänftigte mein Herz
nicht wenig. Auch manches seeligen Feierabends erinnere ich mich aus
dieser Zeit. Wie oft gieng ich unter den immer grünen
Bäumen am Gestade des Meles, an der Geburtsstätte meines
Homer, und sammelt' Opferblumen und warf sie in den heiligen Strom!
Zur nahen Grotte trat ich dann in meinen friedlichen Träumen,
da hätte der Alte, sagen sie, seine Iliade gesungen. Ich fand
ihn. Jeder Laut in mir verstummte vor seiner Gegenwart. Ich schlug
sein göttlich Gedicht mir auf und es war, als hätt' ich
es nie gekannt, so ganz anders wurd' es jezt lebendig in mir.</par>
<par>
Auch denk' ich gerne meiner Wanderung durch die Gegenden von
Smyrna. Es ist ein herrlich Land, und ich habe tausendmal mir
Flügel gewünscht, um des Jahres Einmal nach Kleinasien
zu fliegen.</par>
<par>
Aus der Ebne von Sardes kam ich durch die Felsenwände des
Tmolus herauf.</par>
<par>
Ich hatt' am Fuße des Bergs übernachtet in einer
freundlichen Hütte, unter Myrthen, unter den Düften des
Ladanstrauchs, wo in der goldnen Fluth des Pactolus die Schwäne
mir zur Seite spielten, wo ein alter Tempel der Cybele aus den Ulmen
hervor, wie ein schüchterner Geist, in's helle Mondlicht
blikte. Fünf liebliche Säulen trauerten über dem
Schutt, und ein königlich Portal lag niedergestürzt zu
ihren Füßen.</par>
<par>
Durch tausend blühende Gebüsche wuchs mein Pfad nun auf-
wärts. Vom schroffen Abhang neigten lispelnde Bäume
sich, und übergossen mit ihren zarten Floken mein Haupt. Ich
war des Morgens ausgegangen. Um Mittag war ich auf der Höhe des
Gebirgs. Ich stand, sah fröhlich vor mich hin, genoß der
reineren Lüfte des Himmels. Es waren seelige Stunden.</par>
<par>
Wie ein Meer, lag das Land, wovon ich heraufkam, vor mir da,
jugendlich, voll lebendiger Freude; es war ein himmlisch unendlich
Farbenspiel, womit der Frühling mein Herz
begrüßte, und wie die Sonne des Himmels sich wiederfand
im tausendfachen Wechsel des Lichts, das ihr die Erde zurükgab,
so erkannte mein Geist sich in der Fülle des Lebens, die ihn
umfieng, von allen Seiten ihn überfiel.</par>
<par>
Zur Linken stürzt' und jauchzte, wie ein Riese, der Strom in
die Wälder hinab, vom Marmorfelsen, der über mir hieng,
wo der Adler spielte mit seinen Jungen, wo die Schneegipfel hinauf in
den blauen Aether glänzten; rechts wälzten Wetterwolken
sich her über den Wäldern des Sipylus; ich fühlte
nicht den Sturm, der sie trug, ich fühlte nur ein
Lüftchen in den Loken, aber ihren Donner hört' ich, wie
man die Stimme der Zukunft hört, und ihre Flammen sah ich, wie
das ferne Licht der geahneten Gottheit. Ich wandte mich
südwärts und gieng weiter. Da lag es offen vor mir, das
ganze paradiesische Land, das der Cayster durchströmt, durch so
manchen reizenden Umweg, als könnt' er nicht lange genug
verweilen in all' dem Reichtum und der Lieblichkeit, die ihn
umgiebt. Wie die Zephyre, irrte mein Geist von Schönheit zu
Schönheit seelig umher, vom fremden friedlichen
Dörfchen, das tief unten am Berge lag, bis hinein, wo die
Gebirgkette des Messogis dämmert.</par>
<par>
Ich kam nach Smyrna zurük, wie ein Trunkener vom Gastmahl.
Mein Herz war des Wohlgefälligen zu voll, um nicht von seinem
Überflusse der Sterblichkeit zu leihen. Ich hatte zu
glüklich in mich die Schönheit der Natur erbeutet, um
nicht die Lüken des Menschenlebens damit
auszufüllen. Mein dürftig Smyrna kleidete sich in die
Farben meiner Begeisterung, und stand, wie eine Braut, da. Die
geselligen Städter zogen mich an. Der Widersinn in ihren Sitten
ver- gnügte mich, wie eine Kinderposse, und weil ich von Natur
hinaus war über all' die eingeführten Formen und
Bräuche, spielt' ich mit allen, und legte sie an und zog sie
aus, wie Fastnachtskleider.</par>
<par>
Was aber eigentlich mir die schaale Kost des gewöhnlichen
Umgangs würzte, das waren die guten Gesichter und Gestalten,
die noch hie und da die mitleidige Natur, wie Sterne, in unsere
Verfinsterung sendet.</par>
<par>
Wie hatt' ich meine herzliche Freude daran! wie glaubig deutet' ich
diese freundlichen Hieroglyphen! Aber es gieng mir fast damit, wie
ehemals mit den Birken im Frühlinge. Ich hatte von dem Safte
dieser Bäume gehört, und dachte Wunder, was ein
köstlich Getränk die lieblichen Stämme geben
müßten. Aber es war nicht Kraft und Geist genug
darinnen.</par>
<par>
Ach! und wie heillos war das übrige alles, was ich hört'
und sah.</par>
<par>
Es war mir wirklich hie und da, als hätte sich die
Menschennatur in die Mannigfaltigkeiten des Thierreichs
aufgelöst, wenn ich umher gieng unter diesen Gebildeten. Wie
überall, so waren auch hier die Männer besonders
verwahrlost und verwest.</par>
<par>
Gewisse Thiere heulen, wenn sie Musik anhören. Meine
bessergezognen Leute hingegen lachten, wenn von
Geistesschönheit die Rede war und von Jugend des Herzens. Die
Wölfe gehen davon, wenn einer Feuer schlägt. Sahn jene
Menschen einen Funken Vernunft, so kehrten sie, wie Diebe, den
Rüken.</par>
<par>
Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland ein warmes Wort, so
gähnten sie, und meinten, man hätte doch auch zu leben
in der jezigen Zeit; und es wäre der gute Geschmak noch immer
nicht ver- loren gegangen, fiel ein anderer bedeutend ein.</par>
<par>
Diß zeigte sich dann auch. Der eine wizelte, wie ein
Bootsknecht, der andere blies die Baken auf und predigte Sentenzen.</par>
<par>
Es gebärdet' auch wohl einer sich aufgeklärt, machte dem
Himmel ein Schnippchen und rief: um die Vögel auf dem Dache
hab' er nie sich bekümmert, die Vögel in der Hand, die
seyen ihm lieber! Doch wenn man ihm vom Tode sprach, so legt' er
straks die Hände zusammen, und kam so nach und nach im
Gespräche darauf, wie es gefährlich sey, daß
unsere Priester nichts mehr gelten.</par>
<par>
Die Einzigen, deren zuweilen ich mich bediente, waren die
Erzähler, die lebendigen Nahmenregister von fremden
Städten und Ländern, die redenden Bilderkasten, wo man
Potentaten auf Rossen und Kirchthürme und Märkte seh'n
kann.</par>
<par>
Ich war es endlich müde, mich wegzuwerfen, Trauben zu suchen in
der Wüste und Blumen über dem Eisfeld.</par>
<par>
Ich lebte nun entschiedner allein, und der sanfte Geist meiner Jugend
war fast ganz aus meiner Seele verschwunden. Die Unheilbarkeit des
Jahrhunderts war mir aus so manchem, was ich erzähle und nicht
erzähle, sichtbar geworden, und der schöne Trost, in
Einer Seele meine Welt zu finden, mein Geschlecht in einem
freundlichen Bilde zu umarmen, auch der gebrach mir.</par>
<par>
Lieber! was wäre das Leben ohne Hoffnung? Ein Funke, der aus
der Kohle springt und verlischt, und wie man bei trüber
Jahrszeit einen Windstoß hört, der einen Augenblik saust
und dann verhallt, so wär es mit uns?</par>
<par>
Auch die Schwalbe sucht ein freundlicher Land im Winter, es
läuft das Wild umher in der Hizze des Tags und seine Augen
suchen den Quell. Wer sagt dem Kinde, daß die Mutter ihre Brust
ihm nicht versage? Und siehe! es sucht sie doch.</par>
<par>
Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte. Mein Herz verschloß jezt
seine Schäze, aber nur, um sie für eine bessere Zeit zu
sparen, für das Einzige, Heilige, Treue, das gewiß, in
irgend einer Periode des Daseyns, meiner dürstenden Seele
begegnen sollte.</par>
<par>
Wie seelig hieng ich oft an ihm, wenn es, in Stunden des Ahnens,
leise, wie das Mondlicht, um die besänftigte Stirne mir
spielte? Schon damals kannt' ich dich, schon damals bliktest du, wie
ein Genius, aus Wolken mich an, du, die mir einst, im Frieden der
Schönheit, aus der trüben Wooge der Welt stieg! Da
kämpfte, da glüht' es nimmer, diß Herz.</par>
<par>
Wie in schweigender Luft sich eine Lilie wiegt, so regte sich in
seinem Elemente, in den entzükenden Träumen von ihr,
mein Wesen.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Smyrna war mir nun verlaidet. Überhaupt war mein Herz
allmäh- lich müder geworden. Zuweilen konnte wohl der
Wunsch in mir auf- fahren, um die Welt zu wandern oder in den ersten
besten Krieg zu gehn, oder meinen Adamas aufzusuchen und in seinem
Feuer meinen Mismuth auszubrennen, aber dabei blieb es, und mein
unbedeutend welkes Leben wollte nimmer sich erfrischen.</par>
<par>
Der Sommer war nun bald zu Ende; ich fühlte schon die
düstern Regentage und das Pfeifen der Winde und Tosen der
Wetterbäche zum voraus, und die Natur, die, wie ein
schäumender Springquell, emporgedrungen war in allen Pflanzen
und Bäumen, stand jezt schon da vor meinem verdüsterten
Sinne, schwindend und verschlossen und in sich gekehrt, wie ich
selber.</par>
<par>
Ich wollte noch mit mir nehmen, was ich konnte, von all' dem
fliehenden Leben, alles, was ich draußen liebgewonnen hatte,
wollt' ich noch hereinretten in mich, denn ich wußte wohl,
daß mich das wiederkehrende Jahr nicht wieder finden
würde unter diesen Bäumen und Bergen, und so gieng und
ritt ich jezt mehr, als gewöhnlich, herum im ganzen Bezirke.</par>
<par>
Was aber mich besonders hinaustrieb, war das geheime Verlangen, einen
Menschen zu sehn, der seit einiger Zeit vor dem Thore unter den
Bäumen, wo ich vorbei kam, mir alle Tage begegnet war.</par>
<par>
Wie ein junger Titan, schritt der herrliche Fremdling unter dem
Zwergengeschlechte daher, das mit freudiger Scheue an seiner
Schöne sich waidete, seine Höhe maß und seine
Stärke, und an dem glühenden verbrannten
Römerkopfe, wie an verbotner Frucht mit verstohlnem Blike sich
labte, und es war jedesmal ein herrlicher Moment, wann das Auge dieses
Menschen, für dessen Blik der freie Aether zu enge schien, so
mit abgelegtem Stolze sucht' und strebte, bis es sich in meinem Auge
fühlte und wir erröthend uns einander nachsahn und
vorüber giengen.</par>
<par>
Einst war ich tief in die Wälder des Mimas hineingeritten und
kehrt' erst spät Abends zurük. Ich war abgestiegen, und
führte mein Pferd einen steilen wüsten Pfad über
Baumwurzeln und Steine hin- unter, und, wie ich so durch die
Sträuche mich wand, in die Höhle hinunter, die nun vor
mir sich öffnete, fielen plözlich ein paar Kara-
bornische Räuber über mich her, und ich hatte
Mühe, für den ersten Moment die zwei gezükten
Säbel abzuhalten; aber sie waren schon von anderer Arbeit
müde, und so half ich doch mir durch. Ich sezte mich ruhig
wieder aufs Pferd und ritt hinab.</par>
<par>
Am Fuße des Berges that mitten unter den Wäldern und
aufgehäuften Felsen sich eine kleine Wiese vor mir auf. Es
wurde hell. Der Mond war eben aufgegangen über den finstern
Bäumen. In einiger Entfernung sah ich Rosse auf dem Boden
ausgestrekt und Männer neben ihnen im Grase.</par>
<par>
Wer seyd ihr? rief ich.</par>
<par>
Das ist Hyperion! rief eine Heldenstimme, freudig
überrascht. Du kennst mich, fuhr die Stimme fort; ich begegne
dir alle Tage unter den Bäumen am Thore.</par>
<par>
Mein Roß flog, wie ein Pfeil, ihm zu. Das Mondlicht schien ihm
hell in's Gesicht. Ich kannt' ihn; ich sprang herab.</par>
<par>
Guten Abend! rief der liebe Rüstige, sah mit zärtlich
wildem Blike mich an und drükte mit seiner nervigen Faust die
meine, daß mein Innerstes den Sinn davon empfand.</par>
<par>
O nun war mein unbedeutend Leben am Ende!</par>
<par>
Alabanda, so hieß der Fremde, sagte mir nun, daß er mit
seinem Diener von Räubern wäre überfallen worden,
daß die beiden, auf die ich stieß, wären
fortgeschikt worden von ihm, daß er den Weg aus dem Walde
verloren gehabt und darum wäre genöthigt gewesen, auf
der Stelle zu bleiben, bis ich gekommen. Ich habe einen Freund dabei
verloren, sezt' er hinzu, und wies sein todtes Roß mir.</par>
<par>
Ich gab das meine seinem Diener, und wir giengen zu Fuße
weiter.</par>
<par>
Es geschah uns recht, begann ich, indeß wir Arm in Arm zusammen
aus dem Walde giengen; warum zögerten wir auch so lange und
giengen uns vorüber, bis der Unfall uns zusammenbrachte.</par>
<par>
Ich muß denn doch dir sagen, erwiedert' Alabanda, daß du
der Schuldigere, der Kältere bist. Ich bin dir heute
nachgeritten.</par>
<par>
Herrlicher! rief ich, siehe nur zu! an Liebe sollst du doch mich
nimmer übertreffen.</par>
<par>
Wir wurden immer inniger und freudiger zusammen.</par>
<par>
Wir kamen nahe bei der Stadt an einem wohlgebauten Khan vorbei, das
unter plätschernden Brunnen ruhte und unter Fruchtbäumen
und duftenden Wiesen.</par>
<par>
Wir beschlossen, da zu übernachten. Wir saßen noch lange
zusammen bei offnen Fenstern. Hohe geistige Stille umfieng uns. Erd'
und Meer war seelig verstummt, wie die Sterne, die über uns
hiengen. Kaum, daß ein Lüftchen von der See her uns
in's Zimmer flog und zart mit unserm Lichte spielte, oder daß
von ferner Musik die gewaltigern Töne zu uns drangen,
indeß die Donnerwolke sich wiegt' im Bette des Aethers, und hin
und wieder durch die Stille fernher tönte, wie ein schlafender
Riese, wenn er stärker athmet in seinen furchtbaren
Träumen.</par>
<par>
Unsre Seelen mußten um so stärker sich nähern,
weil sie wider Willen waren verschlossen gewesen. Wir begegneten
einander, wie zwei Bäche, die vom Berge rollen, und die Last
von Erde und Stein und faulem Holz und das ganze träge Chaos,
das sie aufhält, von sich schleudern, um den Weg sich zu
einander zu bahnen, und durchzubrechen bis dahin, wo sie nun
ergreiffend und ergriffen mit gleicher Kraft, vereint in Einen
majestätischen Strom, die Wanderung in's weite Meer beginnen.</par>
<par>
Er, vom Schiksaal und der Barbarei der Menschen heraus, vom eignen
Hause unter Fremden hin und her gejagt, von früher Jugend an
erbittert und verwildert, und doch auch das innere Herz voll Liebe,
voll Verlangens, aus der rauhen Hülse durchzudringen in ein
freundlich Element; ich, von allem schon so innigst abgeschieden, so
mit ganzer Seele fremd und einsam unter den Menschen, so
lächerlich begleitet von dem Schellenklange der Welt in meines
Herzens liebsten Melodien; ich, die Antipathie aller Blinden und
Lahmen, und doch mir selbst zu blind und lahm, doch mir selbst so
herzlich überlästig in allem, was von ferne verwandt war
mit den Klugen und Vernünftlern, den Barbaren und den Wizlingen
- und so voll Hoffnung, so voll einziger Erwartung eines
schönern Lebens –</par>
<par>
Mußten so in freudig stürmischer Eile nicht die beiden
Jünglinge sich umfassen?</par>
<par>
O du, mein Freund und Kampfgenosse, mein Alabanda, wo bist du? Ich
glaube fast, du bist in's unbekannte Land hinübergegangen, zur
Ruhe, bist wieder geworden, wie einst, da wir noch Kinder waren.</par>
<par>
Zuweilen, wenn ein Gewitter über mir hinzieht, und seine
göttlichen Kräfte unter die Wälder austheilt und
die Saaten, oder wenn die Woogen der Meersfluth unter sich spielen,
oder ein Chor von Adlern um die Berggipfel, wo ich wandre, sich
schwingt, kann mein Herz sich regen, als wäre mein Alabanda
nicht fern; aber sichtbarer, gegenwärtiger, unverkennbarer lebt
er in mir, ganz, wie er einst dastand, ein feurig strenger furchtbarer
Kläger, wenn er die Sünden des Jahrhunderts nannte. Wie
erwachte da in seinen Tiefen mein Geist, wie rollten mir die
Donnerworte der unerbittlichen Gerechtigkeit über die Zunge!
Wie Boten der Nemesis, durchwanderten unsre Gedanken die Erde, und
reinigten sie, bis keine Spur von allem Fluche da war.</par>
<par>
Auch die Vergangenheit riefen wir vor unsern Richterstuhl, das stolze
Rom erschrökte uns nicht mit seiner Herrlichkeit, Athen bestach
uns nicht mit seiner jugendlichen Blüthe.</par>
<par>
Wie Stürme, wenn sie frohlokend, unaufhörlich fort durch
Wälder über Berge fahren, so drangen unsre Seelen in
kolossalischen Entwürfen hinaus; nicht, als hätten wir,
unmännlich, unsre Welt, wie durch ein Zauberwort, geschaffen,
und kindisch unerfahren keinen Widerstand berechnet, dazu war Alabanda
zu verständig und zu tapfer. Aber oft ist auch die
mühelose Begeisterung kriegerisch und klug.</par>
<par>
Ein Tag ist mir besonders gegenwärtig.</par>
<par>
Wir waren zusammen auf's Feld gegangen, saßen vertraulich
umschlungen im Dunkel des immergrünen Lorbeers, und sahn
zusammen in unsern Plato, wo er so wunderbar erhaben vom Altern und
Verjüngen spricht, und ruhten hin und wieder aus auf der
stummen entblätterten Landschaft, wo der Himmel schöner,
als je, mit Wolken und Sonnenschein um die herbstlich schlafenden
Bäume spielte.</par>
<par>
Wir sprachen darauf manches vom jezigen Griechenland, beede mit
blutendem Herzen, denn der entwürdigte Boden war auch
Alabanda's Vaterland.</par>
<par>
Alabanda war wirklich ungewöhnlich bewegt.</par>
<par>
Wenn ich ein Kind ansehe, rief dieser Mensch, und denke, wie
schmählich und verderbend das Joch ist, das es tragen wird, und
daß es darben wird, wie wir, daß es Menschen suchen
wird, wie wir, fragen wird, wie wir, nach Schönem und Wahrem,
daß es unfruchtbar vergehen wird, weil es allein seyn wird, wie
wir, daß es - o nehmt doch eure Söhne aus der Wiege, und
werft sie in den Strom, um wenigstens vor eurer Schande sie zu retten!</par>
<par>
Gewiß, Alabanda! sagt' ich, gewiß es wird anders.</par>
<par>
Wodurch? erwidert' er; die Helden haben ihren Ruhm, die Weisen ihre
Lehrlinge verloren. Große Thaten, wenn sie nicht ein edel Volk
vernimmt, sind mehr nicht als ein gewaltiger Schlag vor eine dumpfe
Stirne, und hohe Worte, wenn sie nicht in hohen Herzen
wiedertönen, sind, wie ein sterbend Blatt, das in den Koth
herunterrauscht. Was willst du nun?</par>
<par>
Ich will, sagt' ich, die Schaufel nehmen und den Koth in eine Grube
werfen. Ein Volk, wo Geist und Größe keinen Geist und
keine Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit
andern, die noch Men- schen sind, hat keine Rechte mehr, und es ist
ein leeres Possenspiel, ein Aberglauben, wenn man solche willenlose
Leichname noch ehren will, als wär' ein Römerherz in
ihnen. Weg mit ihnen! Er darf nicht stehen, wo er steht, der
dürre faule Baum, er stiehlt ja Licht und Luft dem jungen
Leben, das für eine neue Welt heranreift.</par>
<par>
Alabanda flog auf mich zu, umschlang mich, und seine Küsse
giengen mir in die Seele. Waffenbruder! rief er, lieber Waffenbruder!
o nun hab' ich hundert Arme!</par>
<par>
Das ist endlich einmal meine Melodie, fuhr er fort, mit einer Stimme,
die, wie ein Schlachtruf, mir das Herz bewegte, mehr braucht's nicht!
Du hast ein herrlich Wort gesprochen, Hyperion! Was? vom Wurme soll
der Gott abhängen? Der Gott in uns, dem die Unendlichkeit zur
Bahn sich öffnet, soll stehn und harren, bis der Wurm ihm aus
dem Wege geht? Nein! nein! Man frägt nicht, ob ihr wollt! Ihr
wollt ja nie, ihr Knechte und Barbaren! Euch will man auch nicht
bessern, denn es ist umsonst! man will nur dafür sorgen,
daß ihr dem Siegeslauf der Menschheit aus dem Wege geht. O!
zünde mir einer die Fakel an, daß ich das Unkraut von
der Haide brenne! die Mine bereite mir einer, daß ich die
trägen Klöze aus der Erde sprenge!</par>
<par>
Wo möglich, lehnt man sanft sie auf die Seite, fiel ich ein.</par>
<par>
Alabanda schwieg eine Weile.</par>
<par>
Ich habe meine Lust an der Zukunft, begann er endlich wieder, und
faßte feurig meine beeden Hände. Gott sey Dank! ich
werde kein gemeines Ende nehmen. Glüklich seyn, heißt
schläfrig seyn im Munde der Knechte. Glüklich seyn! mir
ist, als hätt' ich Brei und laues Wasser auf der Zunge, wenn
ihr mir sprecht von glüklich seyn. So albern und so heillos
ist das alles, wofür ihr hingebt eure Lorbeerkronen, eure
Unsterblichkeit.</par>
<par>
O heiliges Licht, das ruhelos, in seinem ungeheuren Reiche wirksam,
dort oben über uns wandelt, und seine Seele auch mir mittheilt,
in den Stralen, die ich trinke, dein Glük sey meines!</par>
<par>
Von ihren Thaten nähren die Söhne der Sonne sich; sie
leben vom Sieg; mit eignem Geist ermuntern sie sich, und ihre Kraft
ist ihre Freude. -</par>
<par>
Der Geist dieses Menschen faßte einen oft an, daß man
sich hätte schämen mögen, so federleicht
hinweggerissen fühlte man sich.</par>
<par>
O Himmel und Erde! rief ich, das ist Freude! - Das sind andre Zeiten,
das ist kein Ton aus meinem kindischen Jahrhundert, das ist nicht der
Boden, wo das Herz des Menschen unter seines Treibers Peitsche
keucht. - Ja! ja! bei deiner herrlichen Seele, Mensch! Du wirst mit
mir das Vaterland erretten.</par>
<par>
Das will ich, rief er, oder untergehn.</par>
<par>
Von diesem Tag an wurden wir uns immer heiliger und lieber. Tiefer
unbeschreiblicher Ernst war unter uns gekommen. Aber wir waren nur um
so seeliger zusammen. Nur in den ewigen Grundtönen seines
Wesens lebte jeder, und schmuklos schritten wir fort von einer
großen Harmonie zur andern. Voll herrlicher Strenge und
Kühnheit war unser gemeinsames Leben.</par>
<par>
Wie bist du denn so wortarm geworden? fragte mich einmal Alabanda mit
Lächeln. In den heißen Zonen, sagt' ich, näher
der Sonne, singen ja auch die Vögel nicht.</par>
<par>
Aber es geht alles auf und unter in der Welt, und es hält der
Mensch mit aller seiner Riesenkraft nichts fest. Ich sah' einmal ein
Kind die Hand ausstreken, um das Mondlicht zu haschen; aber das Licht
gieng ruhig weiter seine Bahn. So stehn wir da, und ringen, das
wandelnde Schiksaal anzuhalten.</par>
<par>
O wer ihm nur so still und sinnend, wie dem Gange der Sterne, zusehn
könnte!</par>
<par>
Je glüklicher du bist, um so weniger kostet es, dich zu Grunde
zu richten, und die seeligen Tage, wie Alabanda und ich sie lebten,
sind wie eine jähe Felsenspize, wo dein Reisegefährte
nur dich anzurühren braucht, um unabsehlich, über die
schneidenden Zaken hinab, dich in die dämmernde Tiefe zu
stürzen.</par>
<par>
Wir hatten eine herrliche Fahrt nach Chios gemacht, hatten tausend
Freude an uns gehabt. Wie Lüftchen über die
Meeresfläche, walteten über uns die freundlichen Zauber
der Natur. Mit freudigem Staunen sah einer den andern, ohne ein Wort
zu sprechen, aber das Auge sagte, so hab' ich dich nie gesehen! So
verherrlicht waren wir von den Kräften der Erde und des
Himmels.</par>
<par>
Wir hatten dann auch mit heitrem Feuer uns über manches ge-
stritten, während der Fahrt; ich hatte, wie sonst, auch
dißmal wieder meines Herzens Freude daran gehabt, diesem Geist
auf seiner kühnen Irrbahn zuzusehn, wo er so regellos, so in
ungebundner Fröhlichkeit, und doch meist so sicher seinen Weg
verfolgte.</par>
<par>
Wir eilten, wie wir ausgestiegen waren, allein zu seyn.</par>
<par>
Du kannst niemand überzeugen, sagt' ich jezt mit inniger Liebe,
du überredest, du bestichst die Menschen, ehe du
anfängst; man kann nicht zweifeln, wenn du sprichst, und wer
nicht zweifelt, wird nicht überzeugt.</par>
<par>
Stolzer Schmeichler, rief er dafür, du lügst! aber
gerade recht, daß du mich mahnst! nur zu oft hast du schon mich
unvernünftig gemacht! Um alle Kronen möcht' ich von dir
mich nicht befreien, aber es ängstiget denn doch mich oft,
daß du mir so unentbehrlich seyn sollst, daß ich so
gefesselt bin an dich; und sieh, fuhr er fort, daß du ganz mich
hast, sollst du auch alles von mir wissen! wir dachten bisher unter
all' der Herrlichkeit und Freude nicht daran, uns nach Vergangenem
umzusehen.</par>
<par>
Er erzählte mir nun sein Schiksaal; mir war dabei, als
säh' ich einen jungen Herkules mit der Megära im Kampfe.</par>
<par>
Wirst du mir jezt verzeihen, schloß er die Erzählung
seines Ungemachs, wirst du jezt ruhiger seyn, wenn ich oft rauh bin
und anstößig und unverträglich!</par>
<par>
O stille, stille! rief ich innigst bewegt; aber daß du noch da
bist, daß du dich erhieltest für mich!</par>
<par>
Ja wohl! für dich! rief er, und es freut mich herzlich,
daß ich dir denn doch genießbare Kost bin. Und schmek'
ich auch, wie ein Holzapfel, dir zuweilen, so keltre mich so lange,
bis ich trinkbar bin.</par>
<par>
Laß mich! laß mich! rief ich; ich sträubte mich
umsonst; der Mensch machte mich zum Kinde; ich verbarg's ihm auch
nicht; er sah meine Thränen, und weh ihm, wenn er sie nicht
sehen durfte!</par>
<par>
Wir schwelgen, begann nun Alabanda wieder, wir tödten im
Rausche die Zeit.</par>
<par>
Wir haben unsre Bräutigamstage zusammen, rief ich erheitert, da
darf es wohl noch lauten, als wäre man in Arkadien. - Aber auf
unser vorig Gespräch zu kommen!</par>
<par>
Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf
nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe giebt
und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das lass'
er unangetastet, oder man nehme sein Gesez und schlag' es an den
Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt,
der den Staat zur Sitten- schule machen will. Immerhin hat das den
Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem
Himmel machen wollte.</par>
<par>
Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist
der Staat. Er ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte
und Blumen.</par>
<par>
Aber was hilft die Mauer um den Garten, wo der Boden dürre
liegt? Da hilft der Regen vom Himmel allein.</par>
<par>
O Regen vom Himmel! o Begeisterung! Du wirst den Frühling der
Völker uns wiederbringen. Dich kann der Staat nicht
hergebieten. Aber er störe dich nicht, so wirst du kommen,
kommen wirst du, mit deinen allmächtigen Wonnen, in goldne
Wolken wirst du uns hüllen und empor uns tragen über die
Sterblichkeit, und wir werden staunen und fragen, ob wir es noch
seyen, wir, die Dürftigen, die wir die Sterne fragten, ob dort
uns ein Frühling blühe - frägst du mich, wann
diß seyn wird? Dann, wann die Lieblingin der Zeit, die
jüngste, schönste Tochter der Zeit, die neue Kirche,
hervorgehn wird aus diesen beflekten veralteten Formen, wann das
erwachte Gefühl des Göttlichen dem Menschen seine
Gottheit, und seiner Brust die schöne Jugend wiederbringen
wird, wann - ich kann sie nicht verkünden, denn ich ahne sie
kaum, aber sie kömmt gewiß, gewiß. Der Tod ist
ein Bote des Lebens, und daß wir jezt schlafen in unsern
Krankenhäusern, diß zeugt vom nahen gesunden
Erwachen. Dann, dann erst sind wir, dann ist das Element der Geister
gefunden!</par>
<par>
Alabanda schwieg, und sah eine Weile erstaunt mich an. Ich war
hingerissen von unendlichen Hoffnungen; Götterkräfte
trugen, wie ein Wölkchen, mich fort -</par>
<par>
Komm! rief ich, und faßt' Alabanda beim Gewande, komm, wer
hält es länger aus im Kerker, der uns umnachtet?</par>
<par>
Wohin, mein Schwärmer, erwiedert' Alabanda troken, und ein
Schatte von Spott schien über sein Gesicht zu gleiten.</par>
<par>
Ich war, wie aus den Wolken gefallen. Geh! sagt' ich, du bist ein
kleiner Mensch!</par>
<par>
In demselben Augenblike traten etliche Fremden in's Zimmer,
auffallende Gestalten, meist hager und blaß, so viel ich im
Mondlicht sehen konnte, ruhig, aber in ihren Mienen war etwas, das in
die Seele gieng, wie ein Schwert, und es war, als stünde man
vor der Allwissen- heit; man hätte gezweifelt, ob diß
die Außenseite wäre von bedürf- tigen Naturen,
hätte nicht hie und da der getödtete Affekt seine Spu-
ren zurükgelassen.</par>
<par>
Besonders einer fiel mir auf. Die Stille seiner Züge war die
Stille eines Schlachtfelds. Grimm und Liebe hatt' in diesem Menschen
gerast, und der Verstand leuchtete über den Trümmern des
Gemüths, wie das Auge eines Habichts, der auf zerstörten
Pallästen sizt. Tiefe Verachtung war auf seinen Lippen. Man
ahnete, daß dieser Mensch mit keiner unbedeutenden Absicht sich
befasse.</par>
<par>
Ein andrer mochte seine Ruhe mehr einer natürlichen
Herzenshärte danken. Man fand an ihm fast keine Spur einer
Gewaltsamkeit, von Selbstmacht oder Schiksaal verübt.</par>
<par>
Ein dritter mochte seine Kälte mehr mit der Kraft der
Überzeugung dem Leben abgedrungen haben, und wohl noch oft im
Kampfe mit sich stehen, denn es war ein geheimer Widerspruch in seinem
Wesen, und es schien mir, als müßt' er sich bewachen. Er
sprach am wenigsten.</par>
<par>
Alabanda sprang auf, wie gebogner Stahl, bei ihrem Eintritt.</par>
<par>
Wir suchten dich, rief einer von ihnen.</par>
<par>
Ihr würdet mich finden, sagt' er lachend, wenn ich in den
Mittelpunkt der Erde mich verbärge. Sie sind meine Freunde,
sezt' er hinzu, indeß er zu mir sich wandte.</par>
<par>
Sie schienen mich ziemlich scharf in's Auge zu fassen.</par>
<par>
Das ist auch einer von denen, die es gerne besser haben möchten
in der Welt, rief Alabanda nach einer Weile, und wies auf mich.</par>
<par>
Das ist dein Ernst? fragt' einer mich von den Dreien.</par>
<par>
Es ist kein Scherz, die Welt zu bessern, sagt' ich.</par>
<par>
Du hast viel mit einem Worte gesagt! rief wieder einer von ihnen. Du
bist unser Mann! ein andrer.</par>
<par>
Ihr denkt auch so? fragt' ich.</par>
<par>
Frage, was wir thun! war die Antwort.</par>
<par>
Und wenn ich fragte?</par>
<par>
So würden wir dir sagen, daß wir da sind,
aufzuräumen auf Erden, daß wir die Steine vom Aker
lesen, und die harten Erdenklöse mit dem Karst zerschlagen, und
Furchen graben mit dem Pflug, und das Unkraut an der Wurzel fassen, an
der Wurzel es durchschneiden, samt der Wurzel es ausreißen,
daß es verdorre im Sonnenbrande.</par>
<par>
Nicht, daß wir erndten möchten, fiel ein andrer ein; uns
kömmt der Lohn zu spät; uns reift die Erndte nicht mehr.</par>
<par>
Wir sind am Abend unsrer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und
thaten wenig. Wir wagten lieber, als wir uns besannen. Wir waren gerne
bald am Ende und trauten auf das Glük. Wir sprachen viel von
Freude und Schmerz, und liebten, haßten beide. Wir spielten mit
dem Schiksaal und es that mit uns ein Gleiches. Vom Bettelstabe bis
zur Krone warf es uns auf und ab. Es schwang uns, wie man ein
glühend Rauchfaß schwingt, und wir glühten, bis
die Kohle zu Asche ward. Wir haben aufgehört von Glük
und Misgeschik zu sprechen. Wir sind emporgewachsen über die
Mitte des Lebens, wo es grünt und warm ist. Aber es ist nicht
das Schlimmste, was die Jugend über- lebt. Aus heißem
Metalle wird das kalte Schwert geschmiedet. Auch sagt man, auf
verbrannten abgestorbenen Vulkanen gedeihe kein schlechter Most.</par>
<par>
Wir sagen das nicht um unsertwillen, rief ein anderer jezt etwas
rascher, wir sagen es um euertwillen! Wir betteln um das Herz des
Menschen nicht. Denn wir bedürfen seines Herzens, seines
Willens nicht. Denn er ist in keinem Falle wider uns, denn es ist
alles für uns, und die Thoren und die Klugen und die
Einfältigen und die Weisen und alle Laster und alle Tugenden
der Rohheit und der Bildung stehen, ohne gedungen zu seyn, in unsrem
Dienst, und helfen blindlings mit zu unsrem Ziel - nur
wünschten wir, es hätte jemand den Genuß davon,
drum suchen wir unter den tausend blinden Gehülfen die besten
uns aus, um sie zu sehenden Gehülfen zu machen - will aber
niemand wohnen, wo wir bauten, unsre Schuld und unser Schaden ist es
nicht. Wir thaten, was das unsre war. Will niemand sammeln, wo wir
pflügten, wer verargt es uns? Wer flucht dem Baume, wenn sein
Apfel in den Sumpf fällt? Ich hab's mir oft gesagt, du opferst
der Verwesung, und ich endete mein Tagwerk doch.</par>
<par>
Das sind Betrüger! riefen alle Wände meinem
empfindlichen Sinne zu. Mir war, wie einem, der im Rauch erstiken
will, und Thüren und Fenster einstößt, um sich
hinauszuhelfen, so dürstet' ich nach Luft und Freiheit.</par>
<par>
Sie sahn auch bald, wie unheimlich mir zu Muthe war, und brachen
ab. Der Tag graute schon, da ich aus dem Khan trat, wo wir waren
beisammen gewesen. Ich fühlte das Wehen der Morgenluft, wie
Balsam an einer brennenden Wunde.</par>
<par>
Ich war durch Alabanda's Spott schon zu sehr gereizt, um nicht durch
seine räthselhafte Bekanntschaft vollends irre zu werden an
ihm.</par>
<par>
Er ist schlecht, rief ich, ja, er ist schlecht. Er heuchelt
gränzenlos Vertrauen und lebt mit solchen - und verbirgt es
dir.</par>
<par>
Mir war, wie einer Braut, wenn sie erfährt, daß ihr
Geliebter insgeheim mit einer Dirne lebe.</par>
<par>
O es war der Schmerz nicht, den man hegen mag, den man am Herzen
trägt, wie ein Kind, und in Schlummer singt mit Tönen
der Nachtigall!</par>
<par>
Wie eine ergrimmte Schlange, wenn sie unerbittlich herauffährt
an den Knieen und Lenden, und alle Glieder umklammert, und nun in die
Brust die giftigen Zähne schlägt und nun in den Naken,
so war mein Schmerz, so faßt' er mich in seine
fürchterliche Umarmung. Ich nahm mein höchstes Herz zu
Hülfe, und rang nach großen Gedanken, um noch stille zu
halten, es gelang mir auch auf wenige Augenblike, aber nun war ich
auch zum Zorne gestärkt, nun tödtet' ich auch, wie
eingelegtes Feuer, jeden Funken der Liebe in mir.</par>
<par>
Er muß ja, dacht' ich, das sind ja seine Menschen, er
muß verschworen seyn mit diesen, gegen dich! Was wollt er auch
von dir? Was konnt' er suchen bei dir, dem Schwärmer? O
wär' er seiner Wege gegangen! Aber sie haben ihren eigenen
Gelust, sich an ihr Gegentheil zu machen! so ein fremdes Thier im
Stalle zu haben, läßt ihnen gar gut! -</par>
<par>
Und doch war ich unaussprechlich glüklich gewesen mit ihm, war
so oft untergegangen in seinen Umarmungen, um aus ihnen zu erwachen
mit Unüberwindlichkeit in der Brust, wurde so oft
gehärtet und geläutert in seinem Feuer, wie Stahl!</par>
<par>
Da ich einst in heitrer Mitternacht die Dioskuren ihm wies, und
Alabanda die Hand auf's Herz mir legt' und sagte: Das sind nur Sterne,
Hyperion, nur Buchstaben, womit der Nahme der Heldenbrüder am
Himmel geschrieben ist; in uns sind sie! lebendig und wahr, mit ihrem
Muth und ihrer göttlichen Liebe, und du, du bist der
Göt- tersohn, und theilst mit deinem sterblichen Kastor deine
Unsterb- lichkeit! -</par>
<par>
Da ich die Wälder des Ida mit ihm durchstreifte, und wir
herunterkamen in's Thal, um da die schweigenden Grabhügel nach
ihren Todten zu fragen, und ich zu Alabanda sagte, daß unter
den Grabhügeln einer vieleicht dem Geist Achills und seines
Geliebten angehöre, und Alabanda mir vertraute, wie er oft ein
Kind sey und sich denke, daß wir einst in Einem Schlachtthal
fallen und zusammen ruhen werden unter Einem Baum - wer hätte
damals das gedacht?</par>
<par>
Ich sann mit aller Kraft des Geistes, die mir übrig war, ich
klagt' ihn an, verteidigt' ihn, und klagt' ihn wieder um so bittrer
an; ich widerstrebte meinem Sinne, wollte mich erheitern, und
verfinsterte mich nur ganz dadurch.</par>
<par>
Ach! mein Auge war ja von so manchem Faustschlag wund gewe- sen, fieng
ja kaum zu heilen an, wie sollt' es jezt gesundere Blike tun?</par>
<par>
Alabanda besuchte mich den andern Tag. Mein Herz kochte, wie er
hereintrat, aber ich hielt mich, so sehr sein Stolz und seine Ruhe
mich aufregt' und erhizte.</par>
<par>
Die Luft ist herrlich, sagt' er endlich, und der Abend wird sehr
schön seyn, laß uns zusammen auf die Akropolis gehn!</par>
<par>
Ich nahm es an. Wir sprachen lange kein Wort. Was willst du? fragt'
ich endlich.</par>
<par>
Das kannst du fragen? erwiederte der wilde Mensch mit einer Wehmuth,
die mir durch die Seele gieng. Ich war betroffen, verwirrt.</par>
<par>
Was soll ich von dir denken? fieng ich endlich wieder an.</par>
<par>
Das, was ich bin! erwiedert' er gelassen.</par>
<par>
Du brauchst Entschuldigung, sagt' ich mit veränderter Stimme,
und sah mit Stolz ihn an, entschuldige dich! reinige dich!</par>
<par>
Das war zuviel für ihn.</par>
<par>
Wie kommt es denn, rief er entrüstet, daß dieser Mensch
mich beugen soll, wie's ihm gefällt? - Es ist auch wahr, ich
war zu früh entlassen aus der Schule, ich hatte alle Ketten
geschleift und alle zerrissen, nur Eine fehlte noch, nur eine war noch
zu zerbrechen, ich war noch nicht gezüchtiget von einem
Grillenfänger - murre nur! ich habe lange genug
geschwiegen!</par>
<par>
O Alabanda! Alabanda! rief ich.</par>
<par>
Schweig, erwiedert' er, und brauche meinen Nahmen nicht zum Dolche
gegen mich!</par>
<par>
Nun brach auch mir der Unmuth vollends los. Wir ruhten nicht, bis eine
Rükkehr fast unmöglich war. Wir zerstörten mit
Gewalt den Garten unsrer Liebe. Wir standen oft und schwiegen, und
wären uns so gerne, so mit tausend Freuden um den Hals
gefallen, aber der unseelige Stolz erstikte jeden Laut der Liebe, der
vom Herzen aufstieg.</par>
<par>
Leb wohl! rief ich endlich, und stürzte
fort. Unwillkührlich mußt' ich mich umsehn,
unwillkührlich war mir Alabanda gefolgt.</par>
<par>
Nicht wahr, Alabanda, rief ich ihm zu, das ist ein sonderbarer
Bettler? seinen lezten Pfenning wirft er in den Sumpf!</par>
<par>
Wenn's das ist, mag er auch verhungern, rief er, und gieng.</par>
<par>
Ich wankte sinnlos weiter, stand nun am Meer' und sahe die Wellen an -
ach! da hinunter strebte mein Herz, da hinunter, und meine Arme flogen
der freien Fluth entgegen; aber bald kam, wie vom Himmel, ein
sanfterer Geist über mich, und ordnete mein unbändig
leidend Gemüth mit seinem ruhigen Stabe; ich überdachte
stiller mein Schiksaal, meinen Glauben an die Welt, meine trostlosen
Erfahrungen, ich betrachtete den Menschen, wie ich ihn empfunden und
erkannt von früher Jugend an, in mannigfaltigen Erziehungen,
fand überall dumpfen oder schreienden Mislaut, nur in
kindlicher einfältiger Beschränkung fand ich noch die
reinen Melodien - es ist besser, sagt' ich mir, zur Biene zu werden
und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren
der Welt, und wie mit Wölfen, zu heulen mit ihnen, als
Völker zu meistern, und an dem un- reinen Stoffe sich die
Hände zu befleken; ich wollte nach Tina zurük, um meinen
Gärten und Feldern zu leben.</par>
<par>
Lächle nur! Mir war es sehr Ernst. Bestehet ja das Leben der
Welt im Wechsel des Entfaltens und Verschließens, in Ausflug
und in Rükkehr zu sich selbst, warum nicht auch das Herz des
Menschen?</par>
<par>
Freilich gieng die neue Lehre mir hart ein, freilich schied ich ungern
von dem stolzen Irrtum meiner Jugend - wer reißt auch gerne die
Flügel sich aus? - aber es mußte ja so seyn!</par>
<par>
Ich sezt' es durch. Ich war nun wirklich eingeschifft. Ein frischer
Bergwind trieb mich aus dem Hafen von Smyrna. Mit einer wunderbaren
Ruhe, recht, wie ein Kind, das nichts vom nächsten Augenblike
weiß, lag ich so da auf meinem Schiffe, und sah die
Bäume und Moskeen dieser Stadt an, meine grünen
Gänge an dem Ufer, meinen Fußsteig zur Akropolis hinauf,
das sah ich an, und ließ es weiter gehn und immer weiter; wie
ich aber nun auf's hohe Meer hinauskam, und alles nach und nach
hinabsank, wie ein Sarg in's Grab, da mit einmal war es auch, als
wäre mein Herz gebrochen - o Himmel! schrie ich, und alles
Leben in mir erwacht' und rang, die fliehende Gegenwart zu halten,
aber sie war dahin, dahin!</par>
<par>
Wie ein Nebel, lag das himmlische Land vor mir, wo ich, wie ein Reh
auf freier Waide, weit und breit die Thäler und die
Höhen hatte durchstreift, und das Echo meines Herzens zu den
Quellen und Strömen, in die Fernen und die Tiefen der Erde
gebracht.</par>
<par>
Dort hinein auf den Tmolus war ich gegangen in einsamer Un- schuld;
dort hinab, wo Ephesus einst stand in seiner glüklichen Ju-
gend und Teos und Milet, dort hinauf in's heilige trauernde Troas war
ich mit Alabanda gewandert, mit Alabanda, und, wie ein Gott, hatt' ich
geherrscht über ihn, und, wie ein Kind, zärtlich und
glaubig, hatt' ich seinem Auge gedient, mit Seelenfreude, mit innigem
frohlokendem Genusse seines Wesens, immer glüklich, wenn ich
seinem Rosse den Zaum hielt, oder wenn ich, über mich selbst
erhoben, in herrlichen Entschlüssen, in kühnen Gedanken,
im Feuer der Rede seiner Seele begegnete!</par>
<par>
Und nun war es dahin gekommen, nun war ich nichts mehr, war so heillos
um alles gebracht, war zum ärmsten unter den Menschen geworden,
und wußte selbst nicht, wie.</par>
<par>
O ewiges Irrsaal! dacht' ich bei mir, wann reißt der Mensch aus
deinen Ketten sich los?</par>
<par>
Wir sprechen von unsrem Herzen, unsern Planen, als wären sie
unser, und es ist doch eine fremde Gewalt, die uns herumwirft und in's
Grab legt, wie es ihr gefällt, und von der wir nicht wissen,
von wannen sie kommt, noch wohin sie geht.</par>
<par>
Wir wollen wachsen dahinauf, und dorthinaus die Äste und die
Zweige breiten, und Boden und Wetter bringt uns doch, wohin es geht,
und wenn der Bliz auf deine Krone fällt, und bis zur Wurzel
dich hinunterspaltet, armer Baum! was geht es dich an?</par>
<par>
So dacht' ich. Ärgerst du dich daran, mein Bellarmin! Du wirst
noch andere Dinge hören.</par>
<par>
Das eben, Lieber! ist das Traurige, daß unser Geist so gerne
die Gestalt des irren Herzens annimmt, so gerne die
vorüberfliehende Trauer festhält, daß der
Gedanke, der die Schmerzen heilen sollte, selber krank wird,
daß der Gärtner an den Rosensträuchen, die er
pflanzen sollte, sich die Hand so oft zerreißt, o! das hat
manchen zum Thoren gemacht vor andern, die er sonst, wie ein Orpheus,
hätte beherrscht, das hat so oft die edelste Natur zum Spott
gemacht vor Menschen, wie man sie auf jeder Straße findet, das
ist die Klippe für die Lieblinge des Himmels, daß ihre
Liebe mächtig ist und zart, wie ihr Geist, daß ihres
Herzens Woogen stärker oft und schneller sich regen, wie der
Trident, womit der Meergott sie beherrscht, und darum, Lieber!
überhebe ja sich keiner.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Kannst du es hören, wirst du es begreifen, wenn ich dir von
meiner langen kranken Trauer sage?</par>
<par>
Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, daß es besser ist zu
sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt! Neide die
Leidensfreien nicht, die Gözen von Holz, denen nichts mangelt,
weil ihre Seele so arm ist, die nichts fragen nach Regen und
Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte.</par>
<par>
Ja! ja! es ist recht sehr leicht, glüklich, ruhig zu seyn mit
seichtem Herzen und eingeschränktem Geiste. Gönnen kann
man's euch; wer ereifert sich denn, daß die bretterne Scheibe
nicht wehklagt, wenn der Pfeil sie trift, und daß der hohle
Topf so dumpf klingt, wenn ihn einer an die Wand wirft?</par>
<par>
Nur müßt ihr euch bescheiden, lieben Leute,
müßt ja in aller Stille euch wundern, wenn ihr nicht
begreift, daß andre nicht auch so glüklich, auch so
selbstgenügsam sind, müßt ja euch hüten,
eure Weisheit zum Gesez zu machen, denn das wäre der Welt Ende,
wenn man euch gehorchte.</par>
<par>
Ich lebte nun sehr still, sehr anspruchslos in Tina. Ich ließ
auch wirklich die Erscheinungen der Welt vorüberziehn, wie
Nebel im Herbste, lachte manchmal auch mit nassen Augen über
mein Herz, wenn es hinzuflog, um zu naschen, wie der Vogel nach der
gemalten Traube, und blieb still und freundlich dabei.</par>
<par>
Ich ließ nun jedem gerne seine Meinung, seine Unart. Ich war
bekehrt, ich wollte niemand mehr bekehren, nur war mir traurig, wenn
ich sah, daß die Menschen glaubten, ich lasse darum ihr
Possenspiel unangetastet, weil ich es so hoch und theuer achte, wie
sie. Ich mochte nicht gerade ihrer Albernheit mich unterwerfen, doch
sucht' ich sie zu schonen, wo ich konnte. Das ist ja ihre Freude,
dacht' ich, davon leben sie ja!</par>
<par>
Oft ließ ich sogar mir gefallen, mitzumachen, und wenn ich noch
so seelenlos, so ohne eignen Trieb dabei war, das merkte keiner, da
vermißte keiner nichts, und hätt' ich gesagt, sie
möchten mir's verzeihen, so wären sie dagestanden und
hätten sich verwundert und gefragt: was hast du denn uns
gethan? Die Nachsichtigen!</par>
<par>
Oft, wenn ich des Morgens dastand unter meinem Fenster und der
geschäftige Tag mir entgegenkam, konnt' auch ich mich
augenbliklich vergessen, konnte mich umsehn, als möcht' ich
etwas vornehmen, woran mein Wesen seine Lust noch hätte, wie
ehmals, aber da schalt ich mich, da besann ich mich, wie einer, dem
ein Laut aus seiner Muttersprache entfährt, in einem Lande, wo
sie nicht verstanden wird - wohin, mein Herz? sagt' ich
verständig zu mir selber und gehorchte mir.</par>
<par>
Was ist's denn, daß der Mensch so viel will? fragt' ich oft;
was soll denn die Unendlichkeit in seiner Brust? Unendlichkeit? wo ist
sie denn? wer hat sie denn vernommen? Mehr will er, als er kann! das
möchte wahr seyn! O! das hast du oft genug erfahren. Das ist
auch nötig, wie es ist. Das giebt das süße,
schwärmerische Gefühl der Kraft, daß sie nicht
ausströmt, wie sie will, das eben macht die schönen
Träume von Unsterblichkeit und all' die holden und die
kolossalischen Phantome, die den Menschen tausendfach entzüken,
das schafft dem Menschen sein Elysium und seine Götter,
daß seines Lebens Linie nicht gerad ausgeht, daß er
nicht hinfährt, wie ein Pfeil, und eine fremde Macht dem
Fliehenden in den Weg sich wirft.</par>
<par>
Des Herzens Wooge schäumte nicht so schön empor, und
würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schiksaal,
ihr entgegenstände.</par>
<par>
Aber dennoch stirbt der Trieb in unserer Brust, und mit ihm unsre
Götter und ihr Himmel.</par>
<par>
Das Feuer geht empor in freudigen Gestalten, aus der dunkeln Wiege, wo
es schlief, und seine Flamme steigt und fällt, und bricht sich
und umschlingt sich freudig wieder, bis ihr Stoff verzehrt ist, nun
raucht und ringt sie und erlischt; was übrig ist, ist Asche.</par>
<par>
So geht's mit uns. Das ist der Inbegriff von allem, was in
schrökendreizenden Mysterien die Weisen uns erzählen.</par>
<par>
Und du? was frägst du dich? Daß so zuweilen etwas in dir
auffährt, und, wie der Mund des Sterbenden, dein Herz in Einem
Augenblike so gewaltsam dir sich öffnet und verschließt,
das gerade ist das böse Zeichen.</par>
<par>
Sey nur still, und laß es seinen Gang gehn! künstle
nicht! versuche kindisch nicht, um eine Ehle länger dich zu
machen! - Es ist, als wolltest du noch eine Sonne schaffen, und neue
Zöglinge für sie, ein Erdenrund und einen Mond erzeugen.</par>
<par>
So träumt' ich hin. Geduldig nahm ich nach und nach von allem
Abschied. - O ihr Genossen meiner Zeit! fragt eure Ärzte nicht
und nicht die Priester, wenn ihr innerlich vergeht!</par>
<par>
Ihr habt den Glauben an alles Große verloren; so
müßt, so müßt ihr hin, wenn dieser Glaube
nicht wiederkehrt, wie ein Komet aus fremden Himmeln.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par> Es giebt ein Vergessen alles Daseyns, ein Verstummen
unsers We- sens, wo uns ist, als hätten wir alles
gefunden.</par>
<par>
Es giebt ein Verstummen, ein Vergessen alles Daseyns, wo uns ist, als
hätten wir alles verloren, eine Nacht unsrer Seele, wo kein
Schimmer eines Sterns, wo nicht einmal ein faules Holz uns leuchtet.</par>
<par>
Ich war nun ruhig geworden. Nun trieb mich nichts mehr auf um
Mitternacht. Nun sengt' ich mich in meiner eignen Flamme nicht
mehr.</par>
<par>
Ich sah nun still und einsam vor mich hin, und schweift' in die
Vergangenheit und in die Zukunft mit dem Auge nicht. Nun
drängte Fernes und Nahes sich in meinem Sinne nicht mehr; die
Menschen, wenn sie mich nicht zwangen, sie zu sehen, sah ich nicht.</par>
<par>
Sonst lag oft, wie das ewigleere Faß der Danaiden, vor meinem
Sinne diß Jahrhundert, und mit verschwenderischer Liebe
goß meine Seele sich aus, die Lüken auszufüllen;
nun sah ich keine Lüke mehr, nun drükte mich des Lebens
Langeweile nicht mehr.</par>
<par>
Nun sprach ich nimmer zu der Blume, du bist meine Schwester! und zu
den Quellen, wir sind Eines Geschlechts! ich gab nun treulich, wie ein
Echo, jedem Dinge seinen Nahmen.</par>
<par>
Wie ein Strom an dürren Ufern, wo kein Weidenblatt im Wasser
sich spiegelt, lief unverschönert vorüber an mir die
Welt.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen, wie der
Mensch. Mit der Nacht des Abgrunds vergleicht er oft sein Leiden und
mit dem Aether seine Seeligkeit, und wie wenig ist dadurch
gesagt?</par>
<par>
Aber schöner ist nichts, als wenn es so nach langem Tode wieder
in ihm dämmert, und der Schmerz, wie ein Bruder, der fernher
dämmernden Freude entgegengeht.</par>
<par>
O es war ein himmlisch Ahnen, womit ich jezt den kommenden
Frühling wieder begrüßte! Wie fernher in
schweigender Luft, wenn alles schläft, das Saitenspiel der
Geliebten, so umtönten seine leisen Melodien mir die Brust, wie
von Elysium herüber, vernahm ich seine Zukunft, wenn die todten
Zweige sich regten und ein lindes Wehen meine Wange
berührte.</par>
<par>
Holder Himmel Ioniens! so war ich nie an dir gehangen, aber so
ähnlich war dir auch nie mein Herz gewesen, wie damals, in
seinen heitern zärtlichen Spielen. -</par>
<par>
Wer sehnt sich nicht nach Freuden der Liebe und großen Thaten,
wenn im Auge des Himmels und im Busen der Erde der Frühling
wiederkehrt?</par>
<par>
Ich erhob mich, wie vom Krankenbette, leise und langsam, aber von
geheimen Hoffnungen zitterte mir die Brust so seelig, daß ich
drüber vergaß, zu fragen, was diß zu bedeuten
habe.</par>
<par>
Schönere Träume umfiengen mich jezt im Schlafe, und wenn
ich erwachte, waren sie mir im Herzen, wie die Spur eines Kusses auf
der Wange der Geliebten. O das Morgenlicht und ich, wir giengen nun
uns entgegen, wie versöhnte Freunde, wenn sie noch etwas fremde
thun, und doch den nahen unendlichen Augenblik des Umarmens schon in
der Seele tragen.</par>
<par>
Es that nun wirklich einmal wieder mein Auge sich auf, freilich, nicht
mehr, wie sonst, gerüstet und erfüllt mit eigner Kraft,
es war bittender geworden, es fleht' um Leben, aber es war mir im
Innersten doch, als könnt' es wieder werden mit mir, wie sonst,
und besser.</par>
<par>
Ich sahe die Menschen wieder an, als sollt' auch ich wirken und mich
freuen unter ihnen. Ich schloß mich wirklich herzlich
überall an.</par>
<par>
Himmel! wie war das eine Schadenfreude, daß der stolze
Sonderling nun Einmal war, wie ihrer einer, geworden! wie hatten sie
ihren Scherz daran, daß den Hirsch des Waldes der Hunger trieb,
in ihren Hühnerhof zu laufen! -</par>
<par>
Ach! meinen Adamas sucht' ich, meinen Alabanda, aber es erschien mir
keiner.</par>
<par>
Endlich schrieb ich auch nach Smyrna, und es war, als sammelt' alle
Zärtlichkeit und alle Macht des Menschen in Einen Moment sich,
da ich schrieb; so schrieb ich dreimal, aber keine Antwort, ich
flehte, drohte, mahnt' an alle Stunden der Liebe und der
Kühnheit, aber keine Antwort von dem Unvergeßlichen, bis
in den Tod geliebten - Alabanda! rief ich, o mein Alabanda! du hast
den Stab gebrochen über mich. Du hieltest mich noch aufrecht,
warst die lezte Hoffnung meiner Jugend! Nun will ich nichts mehr! nun
ist's heilig und gewiß!</par>
<par>
Wir bedauern die Todten, als fühlten sie den Tod, und die
Todten haben doch Frieden. Aber das, das ist der Schmerz, dem keiner
gleichkömmt, das ist unaufhörliches Gefühl der
gänzlichen Zernichtung, wenn unser Leben seine Bedeutung so
verliert, wenn so das Herz sich sagt, du mußt hinunter und
nichts bleibt übrig von dir; keine Blume hast du gepflanzt,
keine Hütte gebaut, nur daß du sagen könntest:
ich lasse eine Spur zurük auf Erden. Ach! und die Seele kann
immer so voll Sehnens seyn, bei dem, daß sie so muthlos ist!
</par>
<par>
Ich suchte immer etwas, aber ich wagte das Auge nicht aufzuschlagen
vor den Menschen. Ich hatte Stunden, wo ich das Lachen eines Kindes
fürchtete.</par>
<par>
Dabei war ich meist sehr still und geduldig, hatte oft auch einen
wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge; von einer
Taube, die ich kaufte, von einer Kahnfahrt, von einem Thale, das die
Berge mir verbargen, konnt' ich Trost erwarten.</par>
<par>
Genug! genug! wär' ich mit Themistocles aufgewachsen,
hätt' ich unter den Scipionen gelebt, meine Seele hätte
sich wahrlich nie von dieser Seite kennen gelernt.</par>
</text>
</chapter>
<chapter>
<title>Hyperion an Bellarmin</title>
<text>
<par>
Zuweilen regte noch sich eine Geisteskraft in mir. Aber freilich nur
zerstörend!</par>
<par>
Was ist der Mensch? konnt' ich beginnen; wie kommt es, daß so
etwas in der Welt ist, das, wie ein Chaos, gährt, oder modert,
wie ein fauler Baum, und nie zu einer Reife gedeiht? Wie duldet diesen
Heerling die Natur bei ihren süßen Trauben?</par>
<par>
Zu den Pflanzen spricht er, ich war auch einmal, wie ihr! und zu den
reinen Sternen, ich will werden, wie ihr, in einer andren Welt!
inzwischen bricht er auseinander und treibt hin und wieder seine
Künste mit sich selbst, als könnt' er, wenn es einmal
sich aufgelöst, Lebendiges zusammensezen, wie ein Mauerwerk;
aber es macht ihn auch nicht irre, wenn nichts gebessert wird durch
all sein Thun; es bleibt doch immerhin ein Kunststük, was er
treibt.</par>
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O ihr Armen, die ihr das fühlt, die ihr auch nicht sprechen
mögt von menschlicher Bestimmung, die ihr auch so durch und
durch ergriffen seyd vom Nichts, das über uns waltet, so
gründlich einseht, daß wir geboren werden für
Nichts, daß wir lieben ein Nichts, glauben an's Nichts, uns
abarbeiten für Nichts, um mälig überzugehen in's
Nichts - was kann ich dafür, daß euch die Knie brechen,
wenn ihr's ernstlich bedenkt? Bin ich doch auch schon manchmal
hingesunken in diesen Gedanken, und habe gerufen, was legst du die Axt
mir an die Wurzel, grausamer Geist? und bin noch da.</par>
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O einst, ihr finstern Brüder! war es anders. Da war es
über uns so schön, so schön und froh vor uns;
auch diese Herzen wallten über vor den fernen seeligen
Phantomen, und kühn frohlokend drangen auch unsere Geister
aufwärts und durchbrachen die Schranke, und wie sie sich
umsahn, wehe, da war es eine unendliche Leere.</par>
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O! auf die Knie kann ich mich werfen und meine Hände ringen und
flehen, ich weiß nicht wen? um andre Gedanken. Aber ich
überwältige sie nicht, die schreiende Wahrheit. Hab' ich
mich nicht zwiefach überzeugt? Wenn ich hinsehe in's Leben, was
ist das lezte von allem? Nichts. Wenn ich aufsteige im Geiste, was ist
das Höchste von allem? Nichts.</par>
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Aber stille, mein Herz! Es ist ja deine lezte Kraft, die du ver-
schwendest! deine lezte Kraft? und du, du willst den Himmel
stürmen? wo sind denn deine hundert Arme, Titan, wo dein Pelion
und Ossa, deine Treppe zu des Göttervaters Burg hinauf, damit
du hinaufsteigst und den Gott und seinen Göttertisch und all'
die unsterblichen Gipfel des Olymps herabwirfst und den Sterblichen
predigest: bleibt unten, Kinder des Augenbliks! strebt nicht in diese
Höhen herauf, denn es ist nichts hier oben.</par>
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Das kannst du lassen, zu sehn, was über andere waltet. Dir gilt
deine neue Lehre. Über dir und vor dir ist es freilich leer und
öde, weil es in dir leer und öd' ist.</par>
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Freilich, wenn ihr reicher seyd, als ich, ihr andern, könntet
ihr doch wohl auch ein wenig helfen.</par>
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Wenn euer Garten so voll Blumen ist, warum erfreut ihr Othem mich
nicht auch? - Wenn ihr so voll der Gottheit seyd, so reicht sie mir zu
trinken. An Festen darbt ja niemand, auch der ärmste nicht.
Aber Einer nur hat seine Feste unter euch; das ist der Tod.</par>
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Noth und Angst und Nacht sind eure Herren. Die sondern euch, die
treiben euch mit Schlägen an einander. Den Hunger nennt ihr
Liebe, und wo ihr nichts mehr seht, da wohnen eure
Götter. Götter und Liebe?</par>
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O die Poëten haben recht, es ist nichts so klein und wenig,
woran man sich nicht begeistern könnte.</par>
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So dacht' ich. Wie das alles in mich kam, begreif ich noch
nicht.</par>
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